Amriya Vishwanath leitete sieben Jahre lang bei NVIDIA das Produktmarketing für Robotikplattformen. Nun hat sie Techable VC gegründet, einen Fonds für Frühphaseninvestitionen, und investiert als Gründerin und Managing Partnerin in Physical AI. Im TechCrunch-Podcast „Equity“ sprach sie über die Bandbreite von Physical AI, den aktuellen Stand der Robotikbranche und ihre Kriterien für Investitionen. Den Zustand der Branche beschrieb sie als „Ära der Legosteine“, in der die grundlegenden Bausteine noch neu zusammengesetzt werden.
Physical AI muss nicht wie ein Roboter aussehen
Wenn von Physical AI oder physischer KI die Rede ist, denken viele wohl an Videos von humanoiden Robotern, die laufen oder tanzen. Vishwanaths Definition ist jedoch viel weiter gefasst. Sie nennt „Moleküle, Materialien, Medikamente“ und Maschinen, die an Fertigungsstraßen arbeiten.
Physical AI bedeutet also nicht einfach, dass es mehr Arten von Robotern gibt. Vielmehr weitet sich der Bereich, auf den KI einwirkt, über den Bildschirm hinaus aus. KI, die Texte und Bilder generiert, greift in reale Materialien und Prozesse ein. Betrachtet man es so, beschränken sich die potenziellen Investitionen nicht auf Robotikunternehmen. Tatsächlich konzentriert sich ihr Fonds auf drei Bereiche: Robotik, Materialwissenschaften und Biowissenschaften.
Mich überzeugt diese weit gefasste Definition. Die Entwicklung neuer Medikamente und Materialien ist ein Prozess, bei dem Prototypen immer wieder getestet werden. Wenn KI dabei zum Einsatz kommt, könnte sich verändern, wie Labore und Fabriken ihre Zeit nutzen. Auch ohne sichtbaren Roboterarm kann es KI geben, die die physische Welt bewegt.
Die Bausteine neu zusammensetzen – vor dem ChatGPT-Moment
In der Welt der Robotik gibt es eine große Hoffnung: Ende 2022 kam ChatGPT auf den Markt und rückte die Fähigkeiten von Chatbots schlagartig ins Rampenlicht. Manche erwarten, dass es für Roboter einen ähnlichen Moment geben wird – ausgelöst durch ein universelles Basismodell. Pim de Witte, CEO von General Intuition, sagte dieses Jahr in „Equity“ sinngemäß, ein einziges universelles Modell könnte einen Großteil der heutigen Entwicklung spezialisierter Roboter überflüssig machen.
Vishwanaths Einschätzung unterscheidet sich davon deutlich. Ihrer Ansicht nach werden grundlegende Komponenten wie Aktuatoren (Antriebseinheiten), Roboterhände, Software und Sicherheitsstandards noch neu entwickelt. Darin liegt die Bedeutung der „Ära der Legosteine“. Solange Form und Standards der Bausteine nicht aufeinander abgestimmt sind, lässt sich selbst mit einem noch so intelligenten Bauplan kein fertiges Produkt nach Wunsch herstellen.
Darüber sollten auch Sie einmal nachdenken: Ein Chatbot bleibt innerhalb des Bildschirms. Ein Roboter hingegen bewegt schwere Gegenstände und arbeitet in der Nähe von Menschen. Sind Bauteilpräzision, Robustheit und Sicherheitsstandards zur Unfallvermeidung nicht gewährleistet, reicht die Intelligenz des Modells allein nicht aus, um es in der Praxis einzusetzen. Vielleicht liegt der eigentliche Wettbewerbsvorteil dieser Branche in der unspektakulären Grundlagenarbeit hinter den aufsehenerregenden Demos.
Personalmangel und die Belastung im Gesundheitswesen als Maßstab für Investitionen
Nach welchen Kriterien stellt sie also ihren ersten Scheck aus? Im Podcast sprach sie davon, dass Unternehmen, die große Probleme lösen, die besten Chancen bieten. Als konkrete Beispiele nannte sie einen familiengeführten Betrieb, der keine Arbeitskräfte findet, und Chirurgen, die kurz vor dem Burn-out stehen.
Wichtiger als die Frage, wie neu eine Technologie ist, ist die, wem sie bei welchem Problem hilft. Diese Haltung, die das konkrete Anliegen in den Mittelpunkt stellt, ist nicht nur für Investoren relevant, sondern auch für Führungskräfte und Manager, die KI in ihr Unternehmen integrieren wollen. Sowohl in Fabriken mit Personalmangel als auch in überlasteten Kliniken braucht es keine Aufmerksamkeit um ihrer selbst willen, sondern zuverlässig funktionierende Lösungen.
Vishwanath beschreibt diesen Ansatz auch mit dem Begriff „bewusste Automatisierung“ (conscious automation). Gemeint ist damit eine Richtung, bei der Automatisierung nicht einfach menschliche Arbeit ersetzt, sondern unter Berücksichtigung der Herausforderungen vor Ort gestaltet wird.
Auch das Netzwerk eines Investors kann Gründern einen Vorteil verschaffen
Eindrucksvoll ist auch, wie sie mit Gründern umgeht. Vishwanath ist der Ansicht, dass der VC selbst für Gründer zu einem Wettbewerbsvorteil, einem sogenannten „Burggraben“ (moat), werden sollte. Es geht ihr nicht darum, Geld bereitzustellen und sich dann zurückzuziehen, sondern darum, die Unternehmen im Portfolio zu schützen und ihr Wachstum zu fördern.
Die Grundlage dafür ist ihr Netzwerk, das sie in den Jahren bei NVIDIA aufgebaut hat. Sie nutzt ihre Kontakte nach eigenen Angaben, um die Technologien potenzieller Beteiligungsunternehmen zu prüfen und ihnen Kundenkontakte zu vermitteln. Ihre siebenjährige Erfahrung mit den Robotikplattformen von NVIDIA scheint ihr sowohl bei der technischen Einschätzung als auch beim Knüpfen von Unternehmenskontakten zugutezukommen.
Ob Physical AI kommerziell erfolgreich wird, hängt stärker als bei reinen Software-Start-ups davon ab, wie nah ein Unternehmen an Orten wie Fabriken, Krankenhäusern und Forschungseinrichtungen ist. Für Gründer dürfte es hilfreich sein, wenn ein Investor neben Kapital auch Wege in die Praxis eröffnen kann. Vishwanath gehört außerdem zu den ersten weiblichen Führungskräften, die NVIDIA verlassen haben, um einen eigenen Frühphasenfonds aufzulegen.
In der Sendung ging es auch um die jeweiligen Stärken der USA und Chinas sowie darum, dass humanoide Roboter mehr können sollten, als nur zu tanzen. Die Zukunft der Robotik tritt zunehmend in eine Phase ein, in der sie nicht anhand spektakulärer Bilder, sondern durch die mühsame Umsetzung in der Praxis geprägt wird.


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